Kiening, Manfred

Der Zahlen-Künstler

So richtig einordnen Iässt er sich nicht. Und schon gar nicht in eine Schublade stecken. Seine Welt ist die der Zahlen. Als Geschäftsführer einer Augsburger Unternehmensgruppe, die sich mit Immobilien beschäftigt, geht es für Manfred Kiening beruflich um klare Eck-daten, um Quadratmeter, Kalkulation, Rendite und Verkaufspreise. Und doch decken sich berufliche Profession und private Passion – zumindest in einem Punkt: in der Schaffung von werthaltigen Objekten, wenn auch auf ganz andere Art und Weise…
Seit 20 Jahren malt Manfred Kiening Bilder. Großformatig, augenfällig, mit leuchtenden Farben und kräftigem Strich. Wie er dazu gekommen ist? So genau vermag er es nicht mehr zu sagen. „Anfang und Mitte der 1990er-Jahre war sehr viel Bewegung in meinem Leben“, erinnert er sich an die stürmischen Zeiten erster Selbstständigkeit und späterer Verantwortung bei einem heute börsennotierten Augsburger „Big Player“-Unternehmen im Immobilienmarkt.
Da tat es gut, als Kontrapunkt zur beruflichen Anspannung sich über Wochen, ja Monate, mit einer zuerst leeren, dann zunehmend bunter werdenden Fläche zu beschäftigen, ihr Farbe und Formen zu geben – und etwas ganz eigenes, Persönliches zu schaffen. „Der angenehme Nebeneffekt war, dass wir bei der Ausstattung unseres ersten eigenen Immobilienbüros keine Bilder kaufen mussten, um die kahlen Wände freundlicher zu gestalten“, schmunzelt der 58-jährige dreifache Vater ganz pragmatisch, ganz der Kaufmann.
Genau das ist ihm auch wichtig – einen Gegenpol zu schaffen zu dem, was man tut. „Ich finde es einfallslos, wenn Banker alte Aktien oder historische Geldscheine zur Dekoration aufhängen, Architekten Fotos und Pläne von Referenzobjekten oder Werbeagenturen eigene Kampagnenmotive“, sagt er. Gemälde, Bilder, Kunst öffnen seiner Meinung nach den Geist, aktivieren die Sinne und geben die Möglichkeit, in der hektischen Berufswelt auch mal einen kurzen Moment der inneren Einkehr zu schaffen, einen Freiraum, der für ein paar Sekunden andere Gedanken ermöglicht.
Dieses Abschalten ist für den gebürtigen Starnberger auch wesentlich, wenn er sich zu Fuß mit seinem Collie „Boy“ auf den 20-minütigen Weg in sein Atelier im Zentrum Schwabmünchens macht. Erst seit kurzem ist die ehemalige Backstube der Bäckerei Müller mit schattenfreiem Licht, abgehängten Wänden und einer improvisierten Toilette ausgestattet – alles in Eigenregie und in Handarbeit von Kiening selbst geplant, organisiert und in sein Refugium eingebaut – privat wie beruflich eben Selfmademan im besten Sinne. In seinem Atelier genießt er nun den Platz, der ihm auch die Umsetzung eines Traums ermöglicht.
2015 habe ich im Haus der Kunst die Bleistiftskizze einer 2,25 Meter hohen Skulptur gesehen, die „Frau im Fels“. Weil sie von dem Künstler nie verwirklicht wurde, beschäftigte sich Manfred Kiening damit, wie eine solche Skulptur wohl geschaffen werden könnte und zeigt heute auf eine mannshohe schlanke, weiße Säule mit organischen Formen, Furchen und Auskragungen, die auf einer Grundfläche von nur 45 mal 45 Zentimetern an diese Skizze angelehnt ist. Auch wenn er sich selbst nie als Künstler bezeichnen würde – sein Schaffen formuliert er bescheiden als „Bildgestaltender“ – nähert er sich der Szene an, tauscht sich mit dem Kunstkreis Lechfeld aus und hat derzeit zwei seiner Bilder im Rathaus Neusäß ausgestellt. „Dass der Name „Kiening“ in der schwäbischen Kunstszene einen hervorragende Ruf genießt, liegt leider nicht an mir“, lacht er: Sein Namensvetter Norbert Kiening aus Diedorf ist Vorstand des Berufsverbands Bildender Künstler (BBK) Schwaben Nord und Augsburg.
Manfred Kiening wiederum stellt sich zwischendrin – ganz der Geschäftsmann – schon mal die Frage, ob er seine Zeit an den Bildern denn nun „verbracht“ oder „verbraucht“ hat. Dabei fällt seine Antwort eindeutig aus: „Die eingesetzte Zeit hat mir viel zurückgegeben. Sie ist für mich sehr wertvoll investiert.“ wos